Sonntag, 25. März 2012

Brillianter Roman über die Nachteile von Affären

Wenn eine Frau einer anderen den Ehemann raubt
 
Anne Enright fesselt in ihrem Roman "Anatomie einer Affäre" mit sezierender Genauigkeit
 
Das Leben kann nur vorwärts gelebt, aber in der Rückschau verstanden werden.
Diese Weisheit könnte das Leitmotto von Anne Enrights "Anatomie einer Affäre"
gewesen sein. Gina ist 27 Jahre alt, als sie auf einer Gartenparty auf ihren späteren
Geliebten Séan trifft. Zu dieser Zeit steht sie kurz vor ihrer eigenen Hochzeit mit
Conor. Doch irgendein Same muss zu jener Zeit bereits gekeimt haben. "Vielleicht
hätte ich es mit der Angst zu tun bekommen sollen", meint die Ich -Erzählerin.
Gina lebt ein luxuriöses, sorgenfreies Leben in der besseren Gesellschaft. Aus einer
höheren Warte, einer sehr distanzierten, sezierenden Perspektive heraus lässt
die preisgekrönte irische Autorin Gina auf sich und ihr eigenes Leben blicken.
Gina schiebt es der Pille zu, die sie wieder nimmt, dass sie sich auf schmutzigen
Sex mit Séan in einem Hotel einlässt.  "Ich hatte noch nie eine Affäre. Mir war
nicht klar, wie sexy es ist, es heimlich zu tun", sagt sie sich. Sie wundert sich,
warum weder Séans Ehefrau geschweige denn ihr Mann Conor etwas von der
heimlichen Affäre bemerken. Ihr Blick auf Aileen, der Gattin von Séan, ist
nicht wirklich freundlich. Wenngleich dieselbe ihr ausschließlich liebevoll begegnet.
"Aileen, deren bisschen Fett sich in traurigen Hautsäckchen über ihren
gealterten Jungenkörper verteilt,..." lässt Gina verlauten. Die Sprache von Anne
Enright ist außergewöhnlich. Die Autorin wirft viele Metaphern in den Raum
und bewertet alle Situationen samt der Menschen nach Gefallen und Nicht-Gefallen.
Sie lässt Gina deren Umfeld und sich selbst mikroskopisch genau analysieren. Alle
Schwächen und Eigenheiten der Mitmenschen werden seziert und wie ein noch
zappelnder Fisch an Land gezerrt. Zu Beginn der Affäre werden nur die Sex-Szenen
in den Hotels geschildert. Sehr klar, sehr nüchtern, technisch, wenig erotisch.
Sie symbolisieren diese Mesalliance als reine Sex-Geschichte. Hormongesteuert.
Der Satz von Séan in der Halbzeit der Lektüre muss also fallen: "Eigentlich
kennen wir uns kaum." Der Ehegatte von Gina verschwindet im Dunst der
allzeit aufpeitschenden Erotik der Hauptakteure fast ganz. Nicht erwähnenswert.
Und mit der Zeit gewinnt immerhin der fast gesichtslose Séan an Kontur.
Der Leser erfährt etwas über seine Zeit in einem - nicht noblen - Internat,
über seine wenig geliebte Mutter, seinen Bruder, seine geliebte Schwester und
seinen Vater. Anne Enright verleiht Gina wenig angenehme Eigenschaften.
Sie erscheint selbstsüchtig, an Geld interessiert, neidisch. Einzig in den
Szenen, in denen sie vor dem Haus von Séan und seiner Familie im Auto
sitzt, weil sie ihn im Lichtschein erspähen will, sind rührend und erzeugen
menschliche Wärme. Oder Verständnis. Die irische Autorin webt einen
sehr dichten und sehr cleveren Roman mit viel Psychologie um eine Affäre,
für die ein sehr hoher Preis bezahlt werden muss. Vor allem, wenn ein Kind
mit im Spiel der Erwachsenen ist. Ein fast atemloser Roman großer Bilder
und Worte, die einen von Anfang bis Ende in den Bann ziehen und nicht
mehr loslassen.
Corinna S. Heyn
 
Anne Enright,
Anatomie einer Affäre,
Deutsche Verlags-Anstalt 2011